Wirtschaft - süddeutsche.de 12.06.09
"Kleine Tasse, große Nische"
von Ulrike Sauer
Der Durst ist stärker als die Rezession: Das Geschäft mit modernen Espressomaschinen erweist sich als krisenresistent. Philips lässt sich den Einstieg in die erfolgsversprechende Nische 200 Millionen Euro kosten.
Die Nische wächst und wächst und wächst. Wenn sich Andrea Zappalorto in deutschen Kaufhäusern oder Elektronikmärkten bei Espressoautomaten umschaut, beeindruckt den Italiener die verwirrende Vielfalt der angebotenen Maschinen. Vor allem seit die Deutschen auf den italienischen Kaffeegeschmack gekommen sind, erhöht sich der Absatz der chromblitzenden Geräte um 25 Prozent im Jahr.
Auch das Geschäft der Kaffeeröster mit aromaversiegelten Kapseln oder Pads floriert. Der Trend zu mehr Qualität habe sogar in der Rezession Bestand, stellt Zappalorto, der in München die deutschen Geschäfte des Triester Kaffeespezialisten Illy führt, zufrieden fest. "Unsere Nische wird immer größer", sagt der Manager. Und damit bei den Herstellern beliebter.
Kampf um Saeco
Der Bieterkampf um den italienischen Maschinenprofi Saeco zeigte gerade, wie verlockend das kleine, aber feine Segment für Wettbewerber und Investoren ist. Bevor der Elektronikkonzern Philips bei dem überschuldeten Unternehmen aus der Nähe von Bologna zum Zuge kam, mussten die Niederländer zunächst sechs weitere Interessenten ausstechen. Darunter auch Saecos italienischen Konkurrenten DeLonghi, den schwedischen Multi Electrolux und WMF aus Geislingen.
Das Objekt der Begierde, der hinter der Nestlé-Tochter Nespresso weltweit führende Anbieter von Espressoautomaten Saeco, steckte fünf Jahre nach dem Verkauf an den französischen Finanzinvestor PAI Partners in schweren finanziellen Nöten.
Unter dem neuen Eigentümer waren die Nettoschulden der Firma aus Gaggio Montana in den Apenninen explodiert - sie stiegen um 966 Prozent auf mehr als 700 Millionen Euro. Der Kapitalgeber PAI hatte vor zwei Jahren mit einer kreditfinanzierten Sonderdividende bei Saeco abkassiert.
Von da an ging es plötzlich auch beim Umsatz steil bergab. Lange konnte Saeco glänzende Steigerungsraten vorweisen und war Marktführer in Europa mit einem Anteil von 30 Prozent. Doch von 526 Millionen Euro im Bilanzjahr 2005/06 schmolz das Geschäftsvolumen zum 31. März 2009 auf 345 Millionen Euro zusammen. Im Januar hielt Kurzarbeit Einzug in den vier Saeco-Werken. Der ehemals börsennotierte Hersteller konnte zudem Zinszahlungen auf seine mehr als 500 Millionen Euro Bankkredite nicht nachkommen.
Philips macht nun für den Einstieg ins margenträchtige Geschäft mit italienischen Kaffeemaschinen 200 Millionen Euro locker. Vollzogen wird die Übernahme aber nur, wenn Saecos Gläubigerbanken dem Verzicht auf 300 Millionen Euro ihrer Forderungen zustimmen. 2004, als PAI das 1981 gegründete Wachstumsunternehmen komplett aufgekauft hatte, wurde Saeco noch mit 746 Millionen Euro bewertet.
Die aktuelle Schieflage ist hausgemacht. Die Hersteller von Espressomaschinen sind sich einig: Ihr Potenzial ist international längst nicht ausgeschöpft. Der Siegeszug des italienischen Lebensstils eröffnete ihnen riesige Absatzmärkte. So steht in neun von zehn deutschen Haushalten eine Filtermaschine. Ein vollautomatischer Alleskönner, der Bohnen mahlt, Espresso zubereitet und Milch aufschäumt, kommt in elf Prozent der Familien zum Einsatz.
70 Millionen Tassen täglich
Geräte, die mit Kaffeepads oder Kapseln und Wasserdruck Italiens schwarzes Lebenselixier herstellen, sind in 18 Prozent beziehungsweise sieben Prozent der Haushalte vorhanden. Im Umsatzranking der Elektrokleingeräte stehen Espressomaschinen in Deutschland auf Platz zwei - hinter Staubsaugern. Weltweit ist Italien der größte Exporteur.
Die Kaffeefirma Illy kam vor einem Jahr mit ihrer jüngsten Maschine Iperespresso auf den deutschen Markt. Der Neuling verkaufte sich bisher 7.000 Mal, mit einem Wachstumstrend von 80 Prozent, berichtet der Illy-Manager Zappalorto. Fünf Patente schützen die innovative Methode der Triester Dynastie.
Die Logik der Investition ist klar - die Geräte sorgen für Markenbindung. "Geschlossene Systeme haben den Vorzug, zur Benutzung der dazugehörenden Kapseln zu verpflichten", sagt der Deutschland-Chef. Pro Tässchen kostet der Iperespresso-Genuss immerhin 39 Cent. Auch Lavazza, Illys Konkurrent aus Turin, fördert Kundentreue seit langem durch einen eigenen Automatenverkauf. Italiens umsatzstärkster Kaffeeröster kooperiert bei der Herstellung der Maschinen mit Saeco. Illy besitzt die eigene Produktionsfirma Francis Francis.
Ernteausfälle und der globale Kaffedurst treiben die Preise
Global ist der Kaffeedurst derzeit stärker als die Weltwirtschaftskrise. Die Nachfrage nach den Muntermacherbohnen wächst - trotz Rezession. Das Kalkül, die Konsumflaute würde die Engpässe auf der Angebotsseite entschärfen, ging nicht auf. Die Preise an den Rohstoffbörsen London und New York ziehen somit empfindlich an.
Zudem treiben Ernteausfälle in Kolumbien die Kurse für den schwarzen Treibstoff in die Höhe. Sogar in Italien, wo täglich 70 Millionen Tassen in den 150.000 Kaffeebars konsumiert werden, hat das Folgen. "Um zu sparen, wird weniger Kaffee in der Bar und dafür mehr zu Hause getrunken," stellt Unternehmenschef Andrea Illy fest.
In der eigenen Küche begnügen sich seine Landsleute übrigens mit simplen Moka-Kannen für den Herd. Alfonso Bialetti erfand 1933 den achteckigen Moka Express, dessen Nachfolger bei 90 Prozent der Italiener zum Einsatz kommen.